Silke Silkeborg
„Es gibt genügend Gründe, pessimistisch zu sein, gleichzeitig ist es aber umso notwendiger, im Dunkel der Nacht die Augen zu öffnen, unablässig in Bewegung zu sein und sich auf die Suche nach Glühwürmchen zu begeben.“
Georges Didi-Huberman
Das Glühwürmchen-Projekt war eine künstlerisch poetische Untersuchung vom 17. Juni bis 10. September 2013 (gefördert von der Kulturbehörde Hamburg) und steht im Kontext von künstlerischer Feldforschung. Ich recherchierte in Zusammenarbeit mit deutschen und schweizer Biologen das Vorkommen der Leuchtkäfer an verschiedenen Orten in Norditalien, Schweiz, Österreich und Deutschland, um vor Ort nachts zu malen. Dabei versuchte ich den momenthaften Charakter des Erlebten, der „Verflüchtigung des Augenblicks“ entgegen zu wirken durch die zeitintensive Überführung in Malerei. Die Begeisterung über die kleinen, pulsierenden, flüchtigen und außerordentlich fragilen Glühwurm-Lichter verweist sowohl auf unsere visuell biologische Präferenz von Licht im Dunklen, als auch auf die in der Neugierde erzeugte Lust an der Beobachtung von Unbeschreiblichem, nicht vollständig erklärbaren Erfahrungen. Tanzende Lichtsignale der balzenden Leuchtkäfer entdecken zu wollen ist das Begehren eines Erlebnisses, dass ... im Dunklen stattfindet.
Reisebericht lesen
Orte der Glühwürmchen–Recherche 2013
17.6. Löhrbach bei Weinheim, Deutschland (keine GW-Sichtung)
18.6. Freiburg, Deutschland (GW-Sichtung: 2)
19.6. Bulgorello bei Como, Italien (GW-Sichtung: 10 - 15)
20.6. - 29.6. Gavorrano, Provinz–Grosseto, Italien (GW-Sichtung: 10 - 30)
30.6. - 2.7. Florenz, Italien (GW-Sichtung: 3 - 15)
3.7. Manerba del Garda, Italien (keine GW-Sichtung)
4.7. Como, Italien (keine GW-Sichtung)
6.7. Biel/Bienne, Schweiz (keine GW-Sichtung)
7.7. Achenberg, Bad Zurzach, Schweiz (GW-Sichtung: 8)
8.7. - 10.7. Schaffhausen, Schweiz (GW-Sichtung: 30 -1000)
11.7. Zürich, Schweiz (GW-Sichtung: 4)
12.7. - 15.7. Aldrans bei Innsbruck, Österreich (GW-Sichtung: 1 - 30)
16.7. - 17.7. Achensee - Tirol, Österreich (GW-Sichtung: 0 - 20)
18.7. - 21.7. München, Deutschland (keine GW-Sichtung)
22.7. Piding, Berchtesgadener Land, Deutschland (GW-Sichtung: 1)
23.7. Bad Reichenhall, Berchtesgadener Land, Deutschland (keine GW-Sichtung)
24.7. Königssee, Berchtesgadener Land, Deutschland (keine GW-Sichtung)
25.7. - 29.7. Almsee, Oberösterreich (GW-Sichtung: 1 - 8)
30.7. - 8.8. Wien, Österreich (keine GW-Sichtung)
9.8. - 12.8. Ottensteiner Stausee, Waldviertel, Niederösterreich (keine GW-Sichtung)
13.8. - 19.8.Waidhofen an der Thaya, Waldviertel, Niederösterreich (keine GW-Sichtung)
16.8. Heidenreichstein, Waldviertel, Niederösterreich (GW-Sichtung: 9)
20.8. Karlstift, Mühlviertel, Österreich (keine GW-Sichtung)
21.8. Deggendorf, Deutschland (keine GW-Sichtung)
22.8. - 27.8. Klingenbrunn, Bayerischer Nationalpark, Deutschland (keine GW-Sichtung)
28.8. - 30.8. Viechtach, Bayerischer Wald, Deutschland (keine GW-Sichtung)
31.8. - 1.9. Graz, Österreich Deutschland (keine GW-Sichtung)
2. 9. - 8.9. Kalsdorf bei Ilz, Oststeiermark, Österreich (GW-Sichtung: 1 - 5)
9.9. Würzburg, Deutschland (keine GW-Sichtung)
Resümee:
Die erhoffte, und dennoch überraschende Entdeckung von Leuchtkäfern an unter-schiedlichen Orten war eine der wichtigsten Aspekte der Projektreise. Insgesamt war ich über sechstausendfünfhundert Kilometer unterwegs. Jedoch hat das Sichten von Glühwürmchen, ohne unmittelbare Hinweise, sehr viel mit Glück zu tun. Aber es macht süchtig und ich werde weiterhin in kommenden Sommernächten nach ihnen Ausschau halten, darüber Buch führen, und das Gesichtete in Malerei überführen bis ich dreihundert Ölbilder zusammen habe ... oder mehr, oder auch weniger. Mein bisheriges Mal-Ergebnis liegt bei knapp dreißig kleinformatigen Ölbildern. Das Kleinformat bedingt sich aus dem Unterwegssein. Diese dienen mir nun zur Überführung in Großformate. Die von mir erfundene Glühwürmchen–Aktie ist vorrangig für die Verbreitung des Projekts und steht in einem absolut antikapitalistischen Kontext. Die zukünftigen Teilnehmer bekommen mehr, als sie investiert haben. Die Aktie ist noch nicht existent, wurde aber bereits angekündigt. Über das Poetische hinaus, steht das Suchen nach den Leuchtkäfern auch in einem ökopolitischen Kontext. Die künstlerische Feld- Wiesen- und Waldforschung nach den Leuchtkäfern geht weiter.
Glühwürmchen–Informationen:
Glühwürmchen werden in verschiedenen Kontexten als Metapher, oder Symbol eingesetzt. Zum Beispiel werden sie oft als die ewig lebenden Seelen von Verstorbenen angesehen. In China wurden Leuchtkäfer als charakteristisch für Studenten betrachtet, die zum studieren in der Nacht nur über das Licht der Glühwürmchen verfügten. (vergl. Wiki.) Pier Paolo Pasolini hatte in seinem Text von 1975 ein politisches Gleichnis aufgezeichnet, auf welches Georges Didi-Huberman in seinem Buch „Überleben der Glühwürmchen“, München 2012, Bezug nimmt. Auch in den Vorlesungen von Fernand Braudel „Geschichte als Schlüssel zur Welt / Vorlesungen in Deutscher Kriegsgefangenschaft 1941“, Stuttgart 2013, dienen die Glühwürmchen als Gleichnis für eine spezifische geopolitische Haltung. Ein genaueres Eingehen auf die eben aufgeführten Texte würde an dieser Stelle überhand nehmen ...
Glühwürmchen bzw. Leuchtkäfer gehören zu der Familie der Lampyridae und werden der Ordnung Coleoptera, den Käfern, zugeordnet. Ich beobachtete ausschließlich folgende Arten:
– Luciola italica / Italienischer Leuchtkäfer, Licht bei Männchen und Weibchen: Gelblichweiss blinkend, ungefähr im Sekundentakt, (allgemein starker Rückgang).
– Lampyris noctiluca / Großer Leuchtkäfer, das Weibchen leuchtet kräftig im Gegensatz zum Männchen, welches nahezu gar keine Leuchtkraft aufweist. Licht bei Männchen und Weibchen: gelbgrün.
– Lamprohiza splendidula / Kleiner Leuchtkäfer, die Männchen sind in Deutschland die einzigen nachtaktiven Tiere, die fliegen und leuchten können. Licht bei Männchen und Weibchen: gelbgrün.
Bei den letztgenannten, heimischen drei Arten können die Weibchen nicht fliegen. Sie sitzen leuchtend an Halmen, oder Stängeln wobei ihre Leuchtorgane in der Regel nach oben ausgerichtet sind, so dass die fliegenden Männchen diese besser wahrnehmen können. Die Biolumineszenz der Leuchtkäfer dient der Paarung. Der Große Leuchtkäfer ist circa einen Monat leuchtaktiv, der Kleine Leuchtkäfer nur zwei bis drei Wochen. Das Männchen stirbt zeitnah nach der Paarung, das Weibchen nach der Eierablage. Anderenfalls sterben sie an einem Hungertod, denn beide fressen in diesem Zeitraum nichts mehr. Als Larve fressen sie verschiedene Arten von Schnecken. Leuchtkäfer bevorzugen unbewirtschaftete und daher naturnahe, artenvielfältige Lebensräume an Waldrändern, Feuchtwiesen, Bachrändern oder in Gebüschen von Park- und Gartenanlagen. Deshalb sind sie Indikatoren für gut strukturierte, ökologisch wertvolle Landschaften. Die nördlichsten Meldungen über Leuchtkäfer-Vorkommen sind aus Südschweden und in Deutschland aus der Umgebung von Lauenburg an der Elbe.